Seilklemme VR 101

Historische Bedeutung
Die VR101 wurde in den 1940er-Jahren vom Schweizer Unternehmen Von Roll in Bern entwickelt und war die weltweit erste kuppelbare Seilbahnklemme für den Personentransport​. Zuvor verwendete Sessellifte hatten starre (nicht kuppelbare) Klemmen und durften in der Schweiz nur mit etwa 1,2 m/s fahren – zu langsam für wachsende Transportbedürfnisse​.

Angespornt durch den zunehmenden Skitourismus nach dem Zweiten Weltkrieg konstruierte Chefingenieur Paul Zuberbühler bei Von Roll daher ein neuartiges kuppelbares System, das schnellere Fahrgeschwindigkeiten bis 2,5 m/s und den Einsatz von Doppelsesseln ermöglichte​. Diese Innovation erlaubte es, die Sessel in den Stationen vom umlaufenden Seil zu lösen, dort langsamer fahren zu lassen zum sicheren Ein- und Aussteigen, und anschließend wieder an das schnelle Seil zu kuppeln – eine Revolution im Seilbahnbau, die die Transportkapazität drastisch steigerte​. Die erste Anlage mit VR101-Klemmen ging im Dezember 1945 auf der Strecke Flims-Foppa in Betrieb​. Bis 1957 folgten allein in der Schweiz zwölf weitere Sessellifte nach dem System Von Roll VR101. 1963 wurde die erste Gondelbahn mit diesem System eröffnet​. Da die Klemme vor allem für seitlich zur Fahrtrichtung ausgerichtete Zweisitzer-Sessel konzipiert war, kamen zunächst überwiegend solche Seitwärtssesselbahnen zum Einsatz​.

Von Roll vergab Lizenzen an andere Hersteller – etwa Transporta Chrudim in der Tschechoslowakei und die Firma ABIG in Deutschland – wodurch sich das System international verbreitete. Weltweit wurden inklusive Lizenzbauten über 110 Anlagen mit VR101-Klemmen errichtet​, etwa in der Schweiz, Deutschland, Italien, Tschechien und sogar in den USA. Beispielsweise nutzten mehrere amerikanische Zoo- und Park-Seilbahnen (San Diego Skyfari, Busch Gardens Skyride u.a.) das Von-Roll-System mit vierplätzigen Gondeln, so auch die 1956 eröffnete Seilbahn im Disneyland Resort​. Die VR101 erwies sich als zuverlässig und vielseitig: Neben offenen Sesseln kamen teils auch kleine Kabinen zum Einsatz, um Besucher bequem zu befördern​. Ihre Bedeutung für den Seilbahnbau kann kaum überschätzt werden. Durch die erfolgreiche Einführung der VR101-Klemme in den 1950er-Jahren erlebte insbesondere die Sessellift-Technik einen gewaltigen Aufschwung​. Das Schweizer Seilbahninventar würdigt das System VR101 als wegweisend für kuppelbare Umlaufbahnen, das in der Mitte des 20. Jahrhunderts einen regelrechten Sesselbahn-Boom auslöste​. Ab den 1970er-Jahren wurde die VR101 zwar von moderneren Klemmentypen abgelöst​, doch einige Anlagen blieben über Jahrzehnte in Betrieb.

Technik und Funktionsweise

Herzstück der VR101 sind die automatisch kuppelbaren Seilklemmen selbst – eine kombinierte Konstruktion aus Schwerkraft- und Federklemme​. Vereinfacht gesagt, besteht die Klemme aus zwei gegenüberliegenden Klemmbacken, die beim Schliessen von beiden Seiten auf das Förderseil drücken. Eine Seite der Backen wird von einer robusten Schraubenfeder (Spiralfeder) gegen das Seil gepresst, während die andere Seite über einen Exzenterhebel mit dem Gewicht des anhängenden Fahrzeugs belastet wird​. Sobald also ein besetzter Sessel oder eine Gondel am Seil hängt, wirken Federkraft und Fahrzeuggewicht zusammen und erzeugen eine hohe Klemmkraft, die das Seil fest zwischen den Backen hält. Diese clevere Kombination aus Gewicht und Feder machte die Klemme monostabil: Wird keine Gegenkraft ausgeübt, schließt sie selbständig und bleibt sicher am Seil verriegelt. Einkuppeln (Ankuppeln): In der Station läuft das Fahrzeug auf Führungs-Schienen und wird zunächst etwas beschleunigt, um annähernd die Geschwindigkeit des umlaufenden Seils zu erreichen​. Anschließend wird das Seil von unten zwischen die geöffneten Klemmbacken eingeführt, während der Sessel von der Schiene auf das Seil übergeht​. Durch das eigene Gewicht des Fahrzeugs klappen die Backen dann automatisch zu und greifen über einen Totpunkt-Mechanismus fest um das Seil​. Die VR101-Klemme ist nun geschlossen (gekoppelt) und wird für die Fahrt durch zwei Kräfte gesichert: Die Feder drückt von der einen Seite, und der über den Hebel übertragene Fahrzeuggewichtsdruck von der anderen Seite hält die Klemmung aufrecht​. Unmittelbar beim Verlassen der Station sorgt ein spezieller Arretierhebel für Sicherheit: Er schnellt in die Verriegelungsposition und blockiert die Klemme, sodass sie sich während der Fahrt nicht öffnen kann​. Gleichzeitig dient dieser Mechanismus als Sicherheitsprüfung – ist das Seil nicht richtig gefasst (z.B. bei einer Fehlkupplung), erreicht der Arretierhebel seine Endposition nicht und stößt gegen einen Schalter, der die Bahn sofort stoppt​. Dieses frühe Warnsystem machte die VR101 trotz ihres neuartigen Prinzips sehr betriebs- und ausfallsicher. Abkuppeln: Bei der Einfahrt in die nächste Station wird der ankommende Sessel zunächst durch schräge Führungsrollen leicht angehoben, um die Gewichtskraft von der Klemme zu nehmen​. Gleichzeitig betätigt eine feste Schiene den Arretierhebel und entriegelt die Klemme​. Durch das Entlasten (die fehlende Gewichtskraft) öffnet sich die Klemmbacke automatisch gegen die Federkraft​. Die nun geöffnete Klemme gleitet vom Seil, und der Sessel fährt auf den Schienen der Station weiter, wobei er behutsam abgebremst wird​. Jetzt können die Fahrgäste bequem aussteigen. Anschließend werden die leeren Sessel ggf. von Hand oder durch zusätzliche Fördereinrichtungen innerhalb der Station weiterbewegt. (Tatsächlich besaßen die frühen VR101-Anlagen anfangs keine motorisierten Stationsförderer, sodass das Personal die Fahrzeuge manuell zur nächsten Sektion oder ins Depot schieben musste​. Später wurden manche Bahnen – etwa die Jennerbahn oder Weissensteinbahn – mit Ketten- oder Reifenförderern nachgerüstet​.)

Die VR101 gilt als Meilenstein der Seilbahntechnik: Sie vereint ingenieurtechnische Raffinesse mit praktischer Zuverlässigkeit und ebnete den Weg für alle modernen kuppelbaren Sessel- und Gondelbahnen.

Verwendete Quellen:

Von Roll VR101 Prospekte
Schweizer Seilbahninventar​
historische Dokumentationen Flims und Weissenstein​
Seilbahnfachblog ropewaygrips.ch​
Wikipedia​